Von Bildern und Benutzeroberflächen: Das Netz als Ort der Kunst
Reflexionen über das Verhältnis von Text, Bild und Kommentar im Datenset des World Wide Web
Exposé für die Sektion "Text und Bild"
des Forschungskolloquiums der Studienstiftung des deutschen Volkes
"Text und Kommentar, Text und Bild, Text und Stimme.
Textbeziehungen in kulturwissenschaftlicher Perspektive"
"Wo steht das Bild im Verhältnis zum Wort? Eine unumgängliche und schicksalhafte Frage. Und für jeden, der über Kunst schreibt, die allererste und letzte Frage. Ein ständiges und stets wiederkehrendes Fragen, vielleicht eine ewige Ungewissheit. So müsste es jedenfalls sein." (Remy Zaugg, Berlin Fragmente 1987/1988)
Mit Blick auf die sogenannten "neuen Medien" ist häufig von einer Bilderflut die Rede, die uns, ausgelöst von einem immer schneller zirkulierenden Kreislauf von Produktion und Rezeption, täglich aufs Neue zu überschwemmen drohe. Insbesondere die elektronischen Techniken der Bildgeneration, -manipulation, -publikation und-verbreitung, so heisst es, hätten zu einer sklavischen, weil unreflektierten Abhängigkeit vom Bild geführt, im Zuge derer der Text eines Bildes nurmehr über den plakativen Gestus einer Werbebotschaft wirksam, aber nicht mehr nach-gedacht oder im Eigentlichen wahr-genommen werden könne. In Frage steht damit nichts weniger als die "Bildlichkeit" des Bildes, die Tragfähigkeit des ikonischen Zeichens, das ganz im indexikalischen aufzugehen scheint. In diesem Sinne spricht etwa auch der Basler Kunsthistoriker Gottfried Böhm von einer "Bilderfeindlichkeit der Medienindustrie [...], nicht, weil sie Bilder verböte oder verhinderte, im Gegenteil: weil sie eine Bilderflut in Gang setzt, deren Grundtendenz auf Suggestion zielt, auf bildlichen Realitätsersatz, zu dessen Kriterien seit jeher gehörte, die Grenzen der eigentlichen Bildlichkeit zu verschleiern." (G. Böhm, Die Wiederkehr der Bilder, in: ders., Was ist ein Bild?, München 1995, S. 35)
Mehr noch als auf traditionelle Bildmultiplikatoren wie die Printmedien und die audiovisuellen Medien könnte dies auf eine der jüngsten Errungenschaften im Bereich elektronischer Medien zuzutreffen: das World Wide Web, die Anfang der neunziger Jahre eingeführte graphische Benutzeroberfläche des Internet. Derlei suggerieren jedenfalls jene kulturpessimistischen Mahner, die in dieser Entwicklung eine zunehmende Verdrängung des Textes durch das Bild und damit einen der massivsten Angriffe gegen die Gutenberg-Galaxis wittern, die diese seit der Einführung elektronischer Textverarbeitungs-, -kommunikations- und
-speichermedien erfahren hat. Andere wiederum begrüssen im World Wide Web als potentiellem Tor zur "virtuellen Realität" des Cyberspace nicht nur ein Medium, das eine neue visuelle Kultur begründen kann, sondern gar einen neuen Ort der Kunst.
Das World Wide Web als Ort der Kunst? Spätestens an dieser Stelle sind die Kunstwissenschaften zu einer Stellungnahme aufgerufen. Auf dem Grund der Beobachtung allein, dass es "screens" und "frames" - und damit einen Rahmen gibt, in dem mehr oder weniger bunte "images" auftauchen, wird sich kaum ein neuer Kunstbegriff diskutieren lassen. Tatsächlich scheint es mehr als angemessen, hier erneut die Frage "Was ist ein Bild?" zu stellen - und dabei unter anderem etwa zwischen Bildern und Benutzeroberflächen zu diffenzieren, in denen Bilder nurmehr Teil einer vielschichtigen, multi-medial implementierten Netzstruktur sind. Entsprechend bleibt dort, wo Kunst im Netz allein vor dem Reflexionshintergrund des Bildes beschrieben wird, die notwendige Einbettung in den technologischen und semantischen Kontext dieses Mediums vernachlässigt - wohingegen ihre Qualität und ihr Potential doch gerade in den spezifischen Relationen von Text, Bild und Kommentar liegen können, die das World Wide Web mit seinen Multimedia- und Hyperlink-Applikationen ermöglichen hilft.
Doch wann und unter welchen Voraussetzungen wird Screendesign zu Kunst? Im Spannungsfeld dieser und weiterführender Überlegungen möchte ich an ausgewählten Beispielen künstlerischer Netzprojekte das Verhältnis von Text, Bild und Kommentar im Datenset des World Wide Web diskutieren.
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© verena kuni 1995