Expand to the Max?
Von "Ant Farms" und "Hive Minds":
Überlegungen zu inversen Effekten der Medienminiaturisierung am Beispiel Staatenbildender Insekten
Vortrag im Rahmen der Tagung "Reduce to the Max. Medienminiaturisierung
im Fokus von Natur- und Kulturwissenschaften"
SFB/FK615 "Medienumbrüche", Universität Siegen, 19. - 20. 10. 2007
Auf den ersten Blick haben Menschen und Insekten eher wenig miteinander gemein - vielmehr scheint ihr Verhältnis allzu deutlich von
einer biologischen Distanz geprägt, die sich mindestens im Alltag nur schwer überbrücken lässt. Gleichwohl haben gerade so genannte
Staatenbildende Insekten schon früh ein Interesse auf sich gezogen, das sich keineswegs allein auf kulturell zunächst einmal prägende
Klassifikationen wie die als Nützlinge oder Schädlinge beschränkt. Die Beobachtung ihrer Organisation findet bereits in antiken Quellen
einen Niederschlag, in dem sich Projektion und Identifikation auf einschlägige Weise überlagern:
Beschreibungen eines Gemeinwesens "en miniature", zu dem man das menschliche ins Verhältnis setzt - und in denen Metaphorisierung und
Modellbildung auf bezeichnende Weise oszillieren.
So unterschiedlich und vielfältig dieses Feld den jeweils zu Grunde liegenden historischen, ethischen, ästhetischen, politischen und
wissenschaftlichen Interessen entsprechend auch bespielt werden mag, bleiben die Basiskonstellationen dieser Perspektive zunächst
einmal bis in die frühe Moderne erhalten - in der sie freilich signifikante Konjunkturen erfährt: Gerade in den Jahrzehnten um
Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts finden entsprechende Überlieferungen mit naturwissenschaftlicher Forschung, naturphilosophischer Spekulation sowie gesellschaftlichen und politischen Utopien zusammen,
um insbesondere an der Schnittstelle von Esoterik und Reformbewegung eine besondere Anziehungskraft zu entfalten.
Damit werden wichtige Weichen für eine Entwicklung gestellt, die nicht nur aus medienhistorischer, sondern auch aus
kulturentomologischer Perspektive zunächst einmal von jenen entscheidenden (Um-)Brüchen geprägt erscheinen muss, die durch den Einzug
des Computers Mitte des 20. Jahrhunderts markiert werden: Konnten vorauf gehende (Medien-)Miniaturisierungen des wissenschaftlichen
Instrumentariums hierzu - im Unterschied etwa zur Untersuchung von Bau und Funktionen des Insektenkörpers - zunächst nur wenig beisteuern,
erfährt nun nämlich auch das Interesse am Insektenstaat als Soziotop und "Steuerungssystem" einen entscheidenden Schub.
In dessen Zuge, so kann sich der Eindruck vermitteln, werden nicht zuletzt die Relationen zwischen mikro- und makroskopischen
Perspektiven neu konfiguriert. Das gilt nicht allein für eine Kybernetik, die den Anspruch hat, massstabsübergreifend
zu funktionieren. Sondern etwa auch für die K.I.-Forschung, deren an Ameisen- und Bienenstaaten orientierte Modelle
"vernetzter Intelligenzen" und "Schwarm-Strategien" gerade in jüngerer Zeit wieder an Popularität gewonnen haben.
Andererseits ragen gerade aus dem populärkulturellen Niederschlag - also dort, wo für Schwärme geschwärmt wird,
"Hive Minds" als zukunftsweisende Form(ation) kollektiver Intelligenz beschworen oder ex negativo entsprechende
Schreckensvisionen ins Bild gesetzt werden - markante Konstanten zur älteren Kulturgeschichte hervor.
Verdanken sich diese allein einer von der Medienminiaturisierung mit forcierten Kluft zwischen angewandter
Forschung und populärer Kultur, die von letzterer notgedrungen unter Rückgriff auf tradierte Vorstellungen
zu überbrücken versucht wird? Oder wäre es möglich, dass eben jene Traditionen ihrerseits den Entwicklungen
in den Bio- und Informationstechnologien einen Stempel aufgeprägt haben, dessen Markierungen in der mikro-medialen
Perspektive umso deutlicher hervortreten?
Vor dem Hintergrund einer kompakte Darstellung des hier skizzierten Komplexes, in dem Metapher und Modell,
Maßstab und Medium zu exemplarische Konstellationen zusammenfinden, möchte der Beitrag diese Fragen verfolgen
und zur Diskussion stellen.
© verena kuni 2007