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Dr. Verena Kuni  M. A.
Kunst- und Medienwissenschaftlerin / art & media theorist
verena@kuni.org
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THEM'R'US?
Phantasmatische Insektenkunde als angewandte Futurologie

Vortrag im Rahmen des "Futurologischen Kongresses"
Westfälischer Kunstverein Münster, 17. - 19. 11. 2006


Mit Insekten, so sollte man meinen, haben Menschen eher wenig gemein. Hier das viergliedrige Säugetier, dort das sechsgliedrige Kerbtier mit dem chitingepanzerten Leib. Aus Menschenperspektive handelt es sich bei Insekten entweder um Nützlinge oder um Schädlinge - in jedem Fall aber um "die Anderen". Fremde und etwas seltsame Wesen, die faszinieren oder Ekel hervorrufen.

Wohl gerade deshalb sind Insekten jedoch auch seit je ein kulturelle Projektionsfläche, die auf vielfältige Weise bespielt werden kann und je nach den historischen, ethischen, ästhetischen und politischen Interessen, die den Projektionen zu Grunde liegen, auch sehr unterschiedlich gestaltet wird. Auch sind es sowohl einzelne Insektenarten, die bevorzugt solchen Projektionen unterliegen - allen voran jene, mit denen den Menschen ein spezifisches Verhältnis verbindet - als auch spezifische Charakteristika, Eigenschaften und Verhaltensweisen, die besonders zu interessieren scheinen, wobei das einzelne Insekt ebenso wie ein ganzes Insektenvolk ins Visier geraten kann.

Gerade in jüngerer Zeit ist nun zu beobachten, dass der Entomologie - also der Insektenkunde - sowie Insekten allgemein, und zwar allen voran den staatenbildenden Insekten wie Bienen und Ameisen, auch seitens der populären Medien ein verstärktes Interesse entgegen gebracht wird. Im Hintergrund stehen dabei Entwicklungen im Bereich der Informations- und Biotechnologien, deren Konsequenzen Donna Haraway bereits Mitte der achtziger Jahre in zwei zentrale Paradigmen gefasst hat:
Den "Zusammenbruch entscheidender Grenzziehungen" - derjenigen nämlich zwischen Mensch und Maschine sowie derjenigen zwischen Mensch und Tier - und die "Übersetzung der Welt in ein Kodierungsproblem".
Aufwallendem Unbehagen schallt die Parole entgegen: Widerstand ist zwecklos! Liebe die Maschine, das Tier, das Alien in Dir!

Gleichwohl bleibt die Botschaft ambivalent. Während nämlich einerseits die Möglichkeit in Aussicht gestellt wird, von der Insektenwelt nicht nur mittelbar zu lernen, sondern auch mit Hilfe neuer Technologien bestimmte Fähigkeiten direkt zu implementieren, begegnen anderseits einschlägig von Insektoidem affizierte Horror- und Science Fiction-Phantasien. Bei näherer Betrachtung der Bilder, über die die entsprechenden Vorstellungen kommuniziert werden, erweist sich zudem, dass sowohl die positiven Utopien als auch die Dystopien seltsam vertraut erscheinen.
Inwieweit handelt es sich hier also wirklich um fundamentale Veränderungen - und sei es allein unserer Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen? In welchem Verhältnis stehen dabei vormalige und gegenwärtige Zukunftsentwürfe - zumal angesichts eines seit je unaufhaltsamen Angriffs der Gegenwart auf die übrige Zeit? Und in wieweit ließe vor diesem Hintergrund gerade eine phantasmatische Entomologie als angewandte Futurologie verstehen?


 


© verena kuni 2006