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Camouflage & Mimikry. Ästhetiken und Politiken der (Un)Sichtbarkeit in der digitalen Kartografie

Vortrag | Lecture
Konferenz | Conference "Visualität und Abstraktion. Über die Effekte von Abstraktionen im Feld des Sichtbaren", HfBK Hamburg, 05./06.02.2016 | February 5-6, 2016

Karten sind Bilder, die aus spezifischen Perspektiven und für spezifische Zwecke entworfen und erstellt werden. In diesem Sinne bilden sie nicht ihren Gegenstand ab, sondern vielmehr jene Konzepte, die der jeweiligen Sicht auf diesen Gegentand zu Grunde liegen. Ebenso tragen ihre Gestaltung bzw. ihre Designs, Formate und Formen wesentlich dazu bei, in der Lektüre den Nachvollzug dieser Sichtweisen zu vermitteln. Es ist also nicht zuletzt ihre Ästhetik, die einen wesentlichen Anteil daran hat, dass Karten als Werkzeuge der Orientierung und zugleich Weisen der Welterzeugung betrachtet werden können.

Abstraktionsleistungen spielen dabei eine entscheidende Rolle, nämlich sowohl bei der Generation der Karten als auch bei der Lektüre. Allerdings auf durchaus unterschiedliche Weise, insofern die Relation zwischen Enkodierung und Dekodierung in der Regel keine gleichwichtige ist. Wie sich die Lektüre zu vollziehen hat – und dies meint nicht nur die Korrektheit der Interpretation und mithin den Orientierungserfolg – wird vielmehr entscheidend durch Vorgaben bestimmt, die in die kartografischen Verfahren eingebettet sind, ohne dass hierüber notwendiger Weise Klarheit herrschen würde. Anders gesagt: Um wirklich zu wissen, was eine Karte zeigt und was sie nicht zeigt, bedarf es einer weit umfangreicheren Informationsgrundlage und weiter gehender Kompetenzen als jenen, welche die vorgesehenen Nutzungsweisen verlangen – und dies gilt erst recht für die Frage danach, was eine Karte möglicherweise absichtsvoll verbirgt.

Was dies bedeutet, lässt sich exemplarisch im Umgang mit jenem Kartendienst erfahren, der seit seiner Einführung vor gut zehn Jahren einen scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug auf Computern und mobilen Geräten angetreten hat: Google Maps.
In den "archipelagos of abstraction" von Google Maps kommt der Art und Weise, wie inzwischen Satellitenbilder und Luftaufnahmen genutzt und mit den gezeichneten Karten verschränkt werden, im Hinblick auf die Relation von Enkodierung und Dekodierung eine besondere Bedeutung zu. Denn die in der Kartografie üblichen Verfahren der Abstraktion sind hier in mehrfacher Hinsicht selbst unsichtbar gemacht bzw. treten hinter eine (Benutzer-)Oberfläche zurück, die fotografischen Realismus suggeriert.

Durch den gezielten Einsatz technologischer Kunstgriffe, die den NutzerInnen "Flüge" über die zusammengesetzten Foto-Landschaften und ein "Eintauchen" in diese zu gestatten scheinen, aber auch durch "Partiziplationsangebote" wie die Möglichkeit der Einspeisung eigenen fotografischem Materials und des Hinzufügens von Kommentaren, wird diese Suggestion noch erheblich erhöht.

Zugleich kommen verschiedene Werkzeuge zum Einsatz, um vorliegendes Datenmaterial so zu manipulieren und zu transformieren, dass es sich der Lesbarkeit entzieht. Wortwörtlich augenfällig werden diese Manipulationen und Transformationen nicht allein dort, wo bestimmte bauliche Konstellationen das Zusammenfügen des Collage-Materials bzw. die visuelle Säuberung der "Nahtstellen" erschweren. Ebenso haben sich für Orte und Gebiete, die aus unterschiedlichen Gründen nicht dargestellt werden können, sollen oder dürfen, verschiedene Verfahren der Camouflage und der Mimikry etabliert. Im einen wie im anderen Fall begegnen wir digitalen Artefakten, deren ästhetische Semantik der Abstraktion sich zu Teilen der Technologie verdanken mag, ebenso aber auf kulturell tradierte Muster zurückgreift, die sie in eine Kulturgeschichte der Verbergens einordnen lassen, in der Ästhetik(en) und Politik(en) auf unterschiedliche Weise ineinandergreifen.

Unter anderem kann ihre Präsenz darauf verweisen, dass die zunächst so demokratisch anmutende Suggestion der "Übersicht für alle" (in ähnlichem Sinne wie die scheinbare Einlösung der netzpolitischen Forderung eines "access4all") eine politische Funktion erfüllt, die mit ästhetischen Mitteln mobilisiert und zugleich verbrämt bzw. unsichtbar gemacht wird. Sie ist insofern nicht zuletzt einem engen Zusammenhang mit der höchst ambivalenten Position zu betrachten, welche einer von unterschiedlichen Seiten und aus unterschiedlichen Interessenlagen heraus formulierten Forderung nach "Transparenz" zu konzedieren ist.
Letzteres festzustellen bedeutet freilich auch, dass zunächst Klarheit über Verfahren und Motive kartografischer (Un)Sichtbarkeit und kartografischen (Un)Sichtbarmachens zu gewinnen ist, um die Konsequenzen abschätzen zu können, die eine Aufrechterhaltung oder eine Veränderung des jeweiligen Status zeitigen würde.

Vor diesem Hintergrund möchte ich eine Auswahl künstlerischer Projekte vorstellen, die diesen Komplex thematisieren und sie im Kontext sowohl zeitgenössischer wie auch historischer Strategien des Umgangs mit (Un)Sichtbarkeit im Spannungsfeld von Visualität und Abstraktion diskutieren. Dabei soll aufgezeigt werden, inwieweit neben den technologischen auch historisch informierte visuelle und ästhetische Kompetenzen einen entscheidenden Beitrag nicht nur zu kritischen Lektüren von Karten, sondern auch zu einer kritischen Kartografie leisten können.

projekte: A2D2A, DATEN & DISPLAYS, Bilder und/als Benutzeroberflächen, (UN)SICHTBARE ARCHIVE, (UN)SICHTBARE STADT, MEDIOLOGIEN, Spielzeug und/als Werkzeug

dachprojekt: MEDIOLOGIEN

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