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I'll be Your Mirror Broken. Reflections on / of(f) Urban Visual Culture (as seen) in the Internet

Vortrag | Lecture
USRN Symposium 2017, "Stadt als Genre – Repräsentationen (in) der Stadt", Universität Heidelberg, Nov 9-10, 2017 | 09./10.11.2017

Seit je ist die (Selbst-)Repräsentation der Stadt aufs engste mit Bildern verbunden, in denen sie sich als Handels-, Handlungs- und Aushandlungsort für die Gemeinschaft jener vermittelt, die sie als ihren Lebensraum wahrnehmen und aktiv mit gestalten sollen. Darstellung und Vorstellung, Imagination und Image gehen dabei Hand hin Hand – geht es doch nicht nur um Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung, sondern immer auch um einen Selbstentwurf, der Potenziale für eine zukünftige Entwicklung zu bergen verspricht. Aus nahe liegenden Gründen ist es allerdings durchaus entscheidend, wer hier für wen welche Bilder entwirft und wer in welcher Form an den Gestaltungsprozessen beteiligt ist – wobei Letzteres sowohl für die Bilder wie auch die Stadt gilt, sofern diese als Kommune beim Wort genommen will.

Eben diesen Fragen der Partizipation auf beiden Ebenen wurden auf exemplarische Weise virulent, als sich um Mitte der 1990er Jahre KünstlerInnen, DesignerInnen und MedienaktivistInnen die Initiative ergriffen und so genannte "Digitale Städte" gründeten, die als gemeinschaftlich genutzte Plattformen von ihren NutzerInnen selbst gestaltet werden konnten. Kaum zufällig spielten dabei nicht – noch vor Bildern im engeren Sinne – für Räume der Gemeinschaft stehende bildhafte Begriffe wie "Forum", "Agora" und "Marktplatz" eine zentrale Rolle. Inzwischen finden sich die charakteristischen, traditionellen Funktionen des urbanen (Markt-)Platzes sowohl als Ort des Handels und der Konsumption als auch als Ort der Versammlung und der Kommunikation nahezu vollumfänglich ins Netz gespiegelt. Allerdings sind die digitalen Marktplätze nicht in der Hand der Kommunen und auch nicht mehr in der Hand von KünstlerInnen und/oder AktivistInnen getragener Initiativen, sondern in denen global agierender Internet-Unternehmen, die sich im Unterschied zu den Kommunen sehr viel besser darauf zu verstehen scheinen, die Bedürfnisse eines "Mainstreams der Minderheiten" zu befriedigen, jene der Identitätsstiftung und der Gemeinschaftsbildung eingeschlossen.

Im Zuge eines wachsenden Problembewusstseins hinsichtlich dieser Gemengelage und ihrer Konsequenzen für die Idee der urbanen, stadtbürgerlichen Gemeinschaft haben viele Städte damit begonnen, für ihre Netzrepräsentation neue Konzepte zu entwickeln. Im "IT-Entwicklungsland" Deutschland steckt dieser Prozess – zumal im internationalen und auch im innereuropäischen Vergleich betrachtet – freilich derzeit noch in den Kinderschuhen.
Und selbst dort, wo es um gezielte Anschubförderungen geht, wie etwa im aktuell laufenden Wettbewerb "Digitale.Stadt", scheint nur bedingt verstanden worden zu sein, wie bedeutsam der Komplex der Gestaltung auch in diesem Kontext in vielfacher und vielfältiger Hinsicht ist. Anders als in anderen Feldern der Stadtentwicklung, in denen es eine ebenso lange wie wechselvolle Tradition gibt, professionelle GestalterInnen unterschiedlicher Disziplinen einzubeziehen, werden Entwurf und Umsetzung der kommunalen Webpräsenzen bestenfalls in diesem Feld agierenden Agenturen überlassen. Dabei kommt es hier keineswegs allein auf Interface-Design an. Dass es neben der "UX" in engerem Sinne als Basis eines im nächsten Schritt nicht nur nutzenden, sondern aktiv partizipierenden und mit gestaltenden Zugangs zunächst einer generellen Verständigung über die (Selbst-)Repräsentation der Stadt als Gemeinschaft im Spannungsfeld von Imagination und Image bedarf, lässt sich vielmehr auch aus der Geschichte lernen. Und zwar nicht zuletzt aus den Fehlern und Fehlschlägen, die sich in dieser reichlich dokumentiert finden.

Wenn wir in diesem Sinne also längst wissen (könnten), dass Platzgestaltung von Reißbrett ebenso wenig mit geglücktem "Placemaking" zu tun hat wie die Möblierung des urbanen Raums mit "Drop Sculptures" – welche Schlüsse wären hieraus für die Gestaltung jener Elemente zu beziehen, aus denen sich das Bild und die (Selbst-)Repräsentation der Stadt als virtueller Gemeinschaft speisen? Kann es funktionieren, mit einem Mix aus historische Gewachsenheit signalisierenden Archivbildern, attraktiven Panoramen und Aufnahmen, die sich an der Ästhetik von Mood-Pictures aus Bilddatenbanken orientieren oder sogar diesen entstammen, die zur Universalie geronnene "urbane Vielfalt" im Spektrum von "Tradition" und "Innovation" aufzurufen und zu erwarten, dass diese Identität stiftend wirkt und zur aktiven Teilhabe an der urbanen Gemeinschaft animiert? Oder wäre es eine Option, die aktuelle Gemengelage als Chance zu begreifen – und an Stelle der scheinbar konsistenten Bilder der Stadt, bei denen sich es im Grunde immer schon um verzerrte Spiegelbilder handelt, das facettenreiche, multiple Bild eines zerbrochenen Spiegels zu denken: Ein Bild, das niemals eines ist, das die unterschiedlichsten Perspektiven bietet, das zu seinen Brüchen steht und im besten Fall dazu einlädt, Perspektivwechsel aktiv nachzuvollziehen?

Hintergrundinformationen | Background Information:

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projekte: A2D2A, DATEN & DISPLAYS, (UN)SICHTBARE STADT, MEDIOLOGIEN

dachprojekt: MEDIOLOGIEN

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