Betrachtet wird im ersten Abschnitt die regionale Verteilung der Schadenserwartung und in einem zweiten Abschnitt die zeitliche Verteilung über die aufeinanderfolgenden Generationen.
Die zugrunde gelegten Kollektivdosen sind den UNSCEAR-Berichten entnommen. Es handelt sich um Berichte über die Strahlenbelastung der Weltbevölkerung, die eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Vollversammlung der Vereinten Nationen in Abständen einiger Jahre vorlegt.
Ursprünglich veranlasst, um die Kollektivdosen durch die überirdischen Atomwaffenversuche zu erfassen, waren sie wichtige Dokumente, um im Laufe vieler Jahre die Ächtung überirdischer Atomwaffenversuche durchzusetzen. Sie wurden aber auch auf die Erfassung anderer natürlicher und zivilisatorischer Strahlenquellen erweitert.
Die Daten sind trotz einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Erkenntnisse oft nicht revidiert worden und kennzeichnen eher die untere Grenze des tatsächlich zu erwartenden Schadenspotentials. Die Herkunft dominierender Wissenschaftler aus den Atomwaffenlabors und staatlichen Forschungseinrichtungen von Nationen, die Atomtechnik einsetzen, kann außerdem durch Interessenkonflikte die Ergebnisse gefärbt haben.
Der in den folgenden Tabellen separat ausgewiesene Schaden durch die globale Dosis rührt von langlebigen radioaktiven Schadstoffen her, die sich gasförmig über den gesamten Erdball ausbreiten. Bei den anderen Angaben handelt es sich um die Auswirkung der lokalen und regionalen Dosis. Letztere umfasst in den Modellen immerhin einen Radius von 2000 km um eine Atomanlage, die Radioaktivität freisetzt.
Die in den folgenden beiden Hintergrundbildern nicht mehr lesbare Angabe zum Copyright lautet: http://earthobservatory.nasa.gov
| Quelle | pro Jahr |
| AKW | 86 |
| Bergbau + Brennel. | 63 |
| WAA | 296 |
| Global | 7 |
| Gesamt | 452 |
Relativ zur Größe der betroffenen Bevölkerung kann die Schadenserwartung vernachlässigbar klein erscheinen, auch im Vergleich zu den gesundheitlichen Opfern anderer Techniken. Häufig wird der Schaden auch mit dem Begriff 'Restrisiko' verniedlicht, das die Betroffenen für den Nutzen der Technik zu ertragen hätten. Es bestehen allerdings grundsätzliche Unterschiede zwischen einem technischen Risiko und der Schadenserwartung durch ionisierende Strahlen.
Ein technisches Risiko wird retrospektiv ermittelt. Seine Kenntnis kann erfolgreiche präventive Maßnahmen bewirken. Seine Analyse erlaubt zudem einem Individuum nicht selten ein Vermeidungsverhalten. Am Beispiel des Straßenverkehrs können diese Aspekte unschwer verdeutlicht werden.
Die Schadenserwartung durch ionisierende Strahlen ist unvermeidlich mit der Freisetzung radioaktiver Stoffe verbunden. Gegenüber den Menschenopfern früherer Kulturen, z.B. zur Beschwörung besserer Ernten, erleichtert sie dem heutigen Menschen den Umgang damit lediglich dadurch, dass es der Zufall zu bestimmt, wer wann wo der Technik geopfert wird.
Ein besonderer Verstoß gegen die Prinzipien der Nachhaltigkeit besteht auch darin, dass überwiegend ein Teil der Weltbevölkerung den Schaden zu ertragen hat, der keinen Nutzen aus der Anwendung der Atomtechnik zieht.
Wird die zeitliche Verteilung der Schadenserwartung bilanziert, geht der Blick aufgrund der sehr langen Halbwertszeiten vieler radioaktiver Schadstoffe weit in die Zukunft - in eine Zukunft, in der vielleicht schon alle Lichter ausgegangen sind.
| Betroffen | pro Jahr |
| 1. Generation AKW | 86 |
| global | |
| bis 10.000 Jahren | 71.418 |
| weitere Generationen | 142.835 |
| Gesamt | 214.338 |
In den folgenden Generationen übersteigt die Zahl der Gesundheitsschäden das Ausmaß, das die erste Generation in der Umgebung der AKW zu ertragen hat, um viele Größenordnungen.
Die Begrenzung vieler solcher Modellberechnungen auf die nächsten 10.000 Jahre macht die Schwierigkeiten einer solchen Projektion in eine ungewisse Zukunft deutlich: Die Kollektivdosis nach einer globalen Verteilung langlebiger radioaktiver Schadstoffe hängt von der Größe der Weltbevölkerung ab. Die Annahmen über die sog. Gleichgewichtsbevölkerung, der sich der Anstieg der Weltbevölkerung asymptotisch nähert, schwanken um einige Milliarden. Besonders die Anzahl bösartiger Tumore nimmt mit dem Lebensalter zu. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung und ihre zukünftige Entwicklung sind deshalb weitere ungewisse Variablen.
Auch die optimistischen Annahmen befürchten, dass in 10.000 Jahren die Barriere sog. Endlager von der langlebigen Radioaktivität durchwandert oder durch geologische Umwälzungen aufgehoben sein werden. Spätestens dann haben alle Radionuklide das wahre Endlager erreicht, in dem jetzt schon viele angelangt sind: Die Ökosphäre, die Lebensgrundlagen der Menschen.
Der Einwand, derzeit wäre der hier einkalkulierte Ausbau der AKW um das mehr als Siebenfache nicht absehbar und dadurch die Zahl der Menschenopfer in der ersten wie in den folgenden Generationen entsprechend niedriger, kann keinen Ausweg aus dem ethischen Dilemma einer Verwendung der Atomenergie weisen. Den die Antwort auf die aufgeworfenen Fragen ist unabhängig von der absoluten Anzahl der Opfer. Dürfen Menschen voraussehbar auf dem Altar einer Technik geopfert werden? Ist es erlaubt, den weit überwiegenden Anteil des Schadens durch eine Technikanwendung auf Dritte und zukünftige Generationen abzuwälzen?
Nach dem Abschluss dieses dritten Kapitels kann das Fazit gezogen werden:
Schöne neue Welt
in den Augen Vieler: Leben mit der Bombe
Zunahme der Gesundheitsschäden
Überregional und in den Folgegenerationen
Realistische Gegenwelt